Eine eindrucksvolle Fassade aus Sandstein, das prunkvolle Design des Logensaals wie auch die beeindruckende Bühnenkonstruktion: Rokoko par excellence.

Dies sind einige der vielen Eindrücke, die die Musikschülerinnen und -schüler der 11. Klassen auf ihrer Exkursion zum Markgräflichen-Opernhaus in Bayreuth am 10. Juli gewinnen durften. Doch hinter der Reise in die Welt barocken Prunks steckt viel mehr auch eine Reise in eine Welt der Illusion und Selbstinszenierung.

Nach einer kurzen Zugfahrt und einem kleinen anschließenden Fußweg durch die Bayreuther Innenstadt stand man nun vor dem Monument, das sich seit 2012 auch mit der Urkunde zum UNESCO-Weltkulturerbe schmücken darf: dem Markgräflichen-Opernhaus.

Um den logistischen sowie historischen Gegebenheiten gerecht zu werden, teilten sich die Klassen auf: Während die erste Gruppe direkt mit der Führung durch das Opernhaus begann und in die Welt der privilegierten Gesellschaft des 18. Jahrhunderts eintauchen durfte, die die Bühne des Theaters oftmals auch als Bühne eigener Selbstdarstellung zu gebrauchen wusste, begab sich die zweite Gruppe indes auf den Weg zu den Hinterlassenschaften einer späteren Musikikone.

Folglich führte der Weg zum nahegelegenen Wohnhaus und Grabstätte Richard Wagners sowie zur Residenz der Markgräfin Wilhelmine und ihrem Ehegatten Markgraf Friedrich von Brandenburg-Bayreuth, dem sogenannten Neuen Schloss.

Die Besuche unterfütternd, nutzte man immer wieder die Gelegenheit, die historischen Orte mit informativen Hintergrundwissen qua Kurzreferaten der musischen 11. Klasse zu fundieren. Nach der Hälfte der Zeit tauschten die Gruppen.

Die Kunst der Täuschung: ,,Trompe-l’oeil“

Wer das Markgräfliche Opernhaus betritt, wird aus erster Hand von einer gigantischen Pracht aus Marmor, edlen Malereien und einzigartigen Skulpturen und Verzierungen förmlich erschlagen.

Doch bei näherer Betrachtung offenbart sich schnell das eigentliche Meisterwerk: Denn fast nichts davon ist echt. Die vermeintlichen Marmorsäulen und die plastischen Skulpturen stellen sich als bemaltes Holz heraus. Und auch die vergoldeten, geschwungenen Verzierungen à la Rocaille sind einfaches Blattgold.

Der hiesige Hofarchitekt Joseph Saint-Pierre (zuständig für die Außenfassade) und im Genaueren die beiden Star-Architekten Carlo und Giuseppe Galli da Bibiena (zuständig für die Innenkonstruktion) waren Meister darin, mit geschickter Licht-, Schatten- und Perspektivtechnik Räume größer, tiefer und eindrucksvoller wirken zu lassen, als sie tatsächlich waren. Besonders zum Vorschein kommt dies durch die Fürstenloge, die das Zentrum des Hörsaales bildet, und das Bühnenbild. Aus der Ferne – wie etwa der Fürstenloge – betrachtet, erzeugt die Kulisse einen wahnsinnigen Tiefeneffekt.

Umso größer die Ernüchterung, sobald man selbst auf der Bühne steht. Aus nächster Nähe nämlich verliert sich die gesamte Wirkung. Was eben noch wie ein nie endender Prunkbau aussah, entpuppt sich als zweidimensionale Leinwand.

In seiner Gänze betrachtet, illustriert das Opernhaus eine perfekte Scheinwelt, errichtet, um den Status und die absolute Herrschaft des Markgrafenpaares zur Zeit allmählicher Aufklärung zu demonstrieren. Fakt ist, dass damals wie heute gilt: Die Kulisse muss stimmen, um Eindruck zu schinden.

Wie es um den historischen Kontext im Detail beschaffen ist, konnten die Elftklässler anschließend im dazugehörigen Museum erkunden und in einem interaktiven Modell der Theaterbühne ebenso selbst ausprobieren, wie die Bühnentechnik funktionierte bzw. die Kulissen über Zahnräder sowie Seilen verschoben wurden, um die Illusion auf der Bühne zu kreieren.

Die Brücke zur Gegenwart

 Wenn wir ehrlich sind, lässt sich dieses Streben nach perfekten ,,Schein” sehr leicht auf die moderne Gesellschaft übertragen: Haben wir das Prinzip des Trompe-l’oeil (,,Täusche das Auge”) nicht etwa in vollen Zügen auf unsere Art, uns anderen gegenüber zu präsentieren, speziell auf Social-Media, perfektioniert?

Nur ein Blick auf jedwede Social-Media-Plattform genügt, um in eine immersive Welt von Filtern und bewusster Selbstdarstellung zu gelangen. Dieses Bild lässt sich aber unlängst nicht nur der digitalen Welt zuschreiben, sondern betrifft uns direkt in unserem Alltag. So tendieren wir dazu, uns im digitalen Raum, aber auch im realen Leben von der besten Seite zu zeigen bzw. zeigen zu müssen. Wir teilen Erfolge, Fotos schöner Erlebnisse, oder das perfekte Essen. Hierbei schreiben wir anstrengenden Phasen des Lebens, Alltagsstress oder dem Chaos im Hintergrund weniger große Gewichtung zu und blenden diese dagegen zumeist aus. Jeder baut für sich im Kleinen seine eigene Kulisse auf, um für die Außenwelt fehlerfrei zu wirken, wodurch wir oft nach dem subversiven Prinzip ,,Mehr Schein als Sein” leben.

Doch durch unsere Führung mit dem damit einhergehenden Blick hinter die Kulissen des Opernhauses, hat sich gezeigt, dass das nicht weiter dramatisch ist. Denn sobald man die Konstruktion durchschaut und der Drang nach steter Perfektion seine Wirkung verliert, macht es die unperfekte Realität hinter der Fassade erst so wirklich interessant – nein gar menschlich.

Diese entspannte Realität stand am Ende der Exkursion dann auch im Vordergrund, als den Gruppen vor der Rückfahrt noch genug Zeit blieb, um das gute Wetter samt einem gemeinsamen Eis zu genießen.

Ein besonderer Dank gilt Barbara und Hubertus Baumann, die diese Fahrt organisiert haben.

Manuel Küfner, 11c